Kein gutes Jahr für Züge

Sack(o)gasse
Ich moderiere das Magazin Kowalski trifft Schmidt gemeinsam mit einer sehr hübschen, 26jährigen Moderatorin, das ist kein Geheimnis. Meine Chefin wünschte sich neulich, dass ich vor der Kamera ein Sakko trage. Ich habe nichts gegen Sakkos. Ich trage sogar gerne welche, nur passen müssen sie. Im Schrank hängen einige, vor allem schwarze, denn die kann man immer tragen: Beim Dinner, bei der Firmenmoderation, zur Jeans und zu jedem Hemd. Es gibt schwarze mit roten Nadelstreifen, schwarze mit beigen Nadelstreifen, schwarze mit schwarzen Streifen (unterschiedlich gewebt, clever) und schwarze ohne Streifen. Dann gibt es moderne Anzüge – der grüne mit den weißen Nadelstreifen etwa oder der graue mit den blauen, breiten Streifen. Jedenfalls wirken sie modern, wenn ich sie auf Business-Veranstaltungen trage, wo alle anderen ganz konservativ gekleidet sind. Das sind Anzüge, die Spaß machen. Jedenfalls wenn man sie als Anzug trägt. Wenn man nur das Sakko trägt, dann passt es irgendwie nicht. Dann sagen der Schnitt und der Stoff “ich bin nicht dafür gemacht, dass man mich zur Jeans trägt”. Trage ich die Sakkos also “solo”, sehen sie doof aus. Trage ich den ganzen Anzug, wirke ich neben der schönen, sportlichen, jungen Ola Rosiak zu alt und arriviert.

Polski Mallski
Das habe ich meiner Chefin auch gesagt und sie hat es verstanden. Wir haben vereinbart, dass ich mich nach dem nächsten Dreh mal in Ruhe nach modernen Sakkos umsehen werde. Das Problem ist nur: Ich gefalle meiner Chefin gern. Und ich kaufe auch gern neue Klamotten. Ohne es zu ahnen, hatte folglich der Gedanke, in einem modernen, sportlichen Sakko zu moderieren, von mir Besitz ergriffen. Nun musste ich also nur noch Besitz von einem passenden Jackett ergreifen. Also ließ ich mich von meinem sympathischen, ortskundigen, geschmackssicheren Redakteur Krzysztof Czajka beraten, wo in Wrocław man ein solches Sakko kaufen könnte. “Das wird schwer”, ermutigte er mich und schleppte mich in die nächste Mall. Hätte man mich in den Läden nicht mit “Dzien Dobry” begrüßt, ich hätte schwören können, ich wäre immer noch in Berlin, denn mich begrüßten die altvertrauten H&Ms, New Yorkers, und Pierre Cardins dieser Welt. Was sie allesamt nicht hatten, waren moderne Sakkos. Eines bei H&M gefiel mir ganz gut, aber meine Größe war nicht vorhanden. Auch das also genau wie in Deutschland. Also drehten wir in der Mediatek ohne Sakko, was auch ganz gut zu dem modernen Ambiente passte.

Peek & Cloppenburg vs. Van GraafAuf dem Rückweg nach Berlin, im Zug nach Poznan, traf ich dann drei sehr nette Menschen, die für Van Graaf arbeiten. Van Graaf und Peek & Cloppenburg sind aus Konsumentensicht praktisch das gleiche, gehören aber unterschiedlichen Teilen einer miteinander nicht besonders gut befreundeten Großfamilie. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt und ganz besonders über moderne Sakkos. Und der wirklich sach- und fachkundige Mitarbeiter von Van Graaf, dessen Namen ich leider nicht erfragt habe, teilte mir mitfühlend mit, es sei “kein gutes Jahr für Sakkos” gewesen. Im Vorjahr hätte ich wahrscheinlich mehr Glück gehabt. Vielleicht kann ich beim RBB Fahrdienst ja nach meiner Rückkehr eine Zeitreise beantragen, um das Oberbekleidungsproblem ein für alle mal aus der Welt zu schaffen.

Polnische Bahnhöfe 1 – Fehl-Anzeige

Hier nun ein Grundkurs in Sachen “polnische Bahnhöfe”, eher eine Warnung bzw. ein Lehrstück: Es gibt es zwar eine Anzeigetafel auf den Bahnsteigen in Breslau, aber hier wird an der Tafel erst angezeigt, welcher Zug gerade am Start ist, wenn er praktisch schon wieder abfährt. Beispiel: Um 11.27 soll ein Zug nach Berlin fahren. Bis 11.26 steht der Zug an der Tafel, der schon um 10.42 abgefahren ist, sagen wir, nach Warschau. Man steht also auf einer Plattform, von der man weiß, die müsste es sein und bis zur allerletzten Minute steht an keiner der beiden Anzeigetafeln der Zug, mit dem man fahren möchte. Ansagen? Fehlanzeige. Weder polnisch noch deutsch. Statt dessen Nervenkitzel pur! Wahrscheinlich gibt es im Leben der Polen sonst zu wenig aufregendes.

Polnische Bahnhöfe 2 – Eigen-TorAn dieser Stelle muss ich den Nicht-Eingeweihten etwas über polnische Bahnhöfe verraten: Sie sind nichts für Feiglinge. Der gemeine Pole unterscheidet Peron und Tor. Peron bedeutet Plattform, Tor bedeutet Bahnsteig. Umsteigen bedeutet Angst, weil man nicht weiß, welchen Tor man ansteuern muss und ob alles noch nach Plan läuft. Übrigens: Kein polnischer Bahnsteig-Anzeigetafel-Programmierer würde sich dazu hinreißen lassen das genaue Gleis anzugeben, von dem ein Zug abfahren soll. Wo kämen wir denn da hin. Man wird auf den richtigen Peron gewiesen und dann muss man sehen wie man klar kommt und seinen Tor findet. Einer meiner neuen Bekannten von Van Graaf war glücklicherweise ein Einheimischer und darüber habe ich mich besonders gefreut, denn ich musste das allererste Mal in Poznan umsteigen.

Polnische Bahnhöfe 3 – Entgleist in Posen

Gott sei Dank ist in Posen alles ein wenig anders. Die Ansage war überdies mehr als erfreulich. “Der Zug nach Berlin…planmäßig…19.23…Peron 1…in 20 Minuten”. Na wunderbar! 17 Minuten später die nächste Ansage “Der Zug nach Berlin…planmäßig…19.23…Peron 1…einsteigen bitte”. Zwar war der Zug lang und ich konnte den Waggon, für den ich eine Platzreservierung nicht gleich finden, aber die 1. Klasse Abteile waren leer (ich kann niemandem raten, in Polen 2. Klasse zu fahren) und wie beschrieben auf dieser Strecke wirklich luxuriös. Tor hatte überhaupt nur einen Peron 1 und voilá: Peron 1Gott sei Dank ist in Posen alles ein wenig anders.Hier gibt es exzellente Ansagen aus wohlklingenden Lautsprechern und was noch besser ist: Es gibt sie auch auf deutsch. Der freundliche Einheimische wies mir den Weg zu

Polnische Bahnhöfe 4 – Ein feiner Zug

Ich fläzte mich ins bequeme Fauteuil und freute mich, als der Zug sich wirklich Punkt 19.23 in Bewegung setzte, dass man in Posen nichts dem Zufall überlässt. Diese Stimmung hielt exakt solange, bis der freundliche Schaffner mir mitteilte, dass ich nicht im Zug nach Berlin saß, sondern im Zug nach Wrocław, wo ich gerade herkam. Wir waren uns sofort einig: Ja, der Zug stand zur fraglichen Zeit auf dem fraglichen Gleis. Ja, die Durchsage war eindeutig: Dieser Zug wäre der nach Berlin. Sie war ebenso eindeutig falsch. Wie viele Durchsagen in Posen. Vermutlich handelt es sich um ein zeitgesteuertes Band, dass brav die Planmäßigkeit verkündet, die es so bei der polnischen Bahn einfach nicht gibt. Ich hätte es wissen können. Einer unserer Beiträge aus der letzten Zeit zeigte eindrucksvoll, wie die Polen sich darüber freuen, wenn die (deutsche) Bahn eine ihrer Strecken übernimmt.

Teamwork
Eins muss man den Schaffnern an Bord des Express-Zuges nach Wrocław lassen. Innerhalb von zehn Minuten hatten sie eine völlig unbürokratische Möglichkeit gefunden, mich am gleichen Abend doch noch nach Hause zu bringen. Der Schnellzug hielt kurzerhand außerplanmäßig in einem winzigen Kaff, ein Regionalzug nahm mich eine halbe Stunde später mit nach Breslau und ich erreichte den letzte Zug, der noch nach Berlin ging – das alles mit einem falschen Ticket für diese Richtung, das niemand beanstandete und mit voller Unterstützung aller beteiligten Schaffner. Ich musste nicht ein einziges Mal irgendetwas ausfüllen, unterschreiben, mich ausweisen oder an irgendeinen Schalter gehen. Vielleicht tue ich der deutschen Bahn unrecht, aber so etwas kann ich mir bei uns nicht vorstellen. Also vielen Dank, liebe Schaffner und liebe Mitarbeiter von Van Graaf: Ihr habt euer Bestes gegeben. Ich schrieb diesen Eintrag immerhin am gleichen Tag… auf dem Weg nach Hause.


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