In trockenen Tüchern – wie schön die Industrie an Sprachkrebs leidet

Vor 10 Jahren bat mich Adobe, für seine damalige Webseite einige Kolumnen zu verfassen. Dies ist eine davon. Immer noch schaurig aktuell, wie ich finde.

„Also gut”, sage ich und falte meine Hände über dem leisen Ansatz eines Bäuchleins zusammen, „erzählen Sie mir mal, was Sie genau machen”. Die Aufforderung gefällt meinem Gegenüber, er hat sich vorbereitet. „Also”, schürzt er die Lippen, „wir sind ein kundenorientierter Dienstleister für massgeschneiderte, prozessorientierte Systeme und vernetzte Lösungen im Bereich Logistik”. Er meint das ernst. Ich unterdrücke ein Seufzen. Der Mann, der so redet, ist Spitzenverdiener im mittleren Management eines DER grossen deutschen Unternehmen. Unter Umständen entscheidet er darüber, ob der DAX steigt oder fällt oder – was für einen konservativen Revolutionär wie mich viel wichtiger ist – ob Arbeitsplätze geschaffen oder abgebaut werden. Bedauerlicherweise leidet er an einer Krankheit, die beinahe die gesamte deutsche Wirtschaft befallen hat: Sprachkrebs.

Unter (cc) - Alex Odenwald, Flickr

Das äussert sich in einer Unfähigkeit, allgemein verständliche, muttersprachliche Sätze zu formulieren. Stattdessen ergötzt man sich an und verschanzt sich hinter einer Mischung aus unpassenden Anglizismen, schlecht übersetzten Fremdwörtern und modisch verklärten Fachausdrücken aus den Wirtschaftswissenschaften und Informationstechnologien. Zum grossen Unglück aller, denen sich der Erkrankte verständlich machen will, leidet er ausserdem an einer Wahrnehmungsstörung, die ihn glauben macht, er spräche normal und verständlich, was die Kommunikation – verständlicherweise – stark erschwert.

Die Aufgabe von Spezialisten wie mir ist es, die verbalen Geschwüre in langer, harter Arbeit zu übersetzen, damit auch gesunde Normale den Leidenden verstehen können. Dass wir in diesem Job einen hohen Preis bezahlen (und natürlich auch verlangen), versteht sich von selbst. Deswegen – und weil der Kranke ein Internet-Portal inhaltlich füllen muss – sitze ich hier nur mit einem verständnisvollen Blick und einer Menge Kaffee bewaffnet. Aug’ in Aug’ mit der gefährlichsten Bedrohung, seit es Autoren gibt. Wir erinnern uns: „kundenorientierter Dienstleister für massgeschneiderte, prozessorientierte Systeme und vernetzte Lösungen im Bereich Logistik”.

Ich nehme einen Schluck Kaffee zuviel. „In Ordnung”, sage ich. Eine Technik, die ich von den Deeskalierern bei der Kripo gelernt habe. „Aber was machen Sie denn im Einzelnen wirklich?” Die Frage verunsichert ihn. Er blickt auf seine Notizen, kratzt sich an der Schläfe. „Eine Win/Win-Situation herstellen”, erwidert er und beruhigt sich ein wenig, „die Wertschöpfungskette optimieren”. „Aha”, sage ich. „Jaja, durch konsequente Wissensvernetzung im Logistikwesen.” „So.” „Das ist eine unserer Kernkompetenzen.” „Kernkompetenzen”, sage ich. „Ja, genau so wie alles im Bereich B2B. Den Kunden des Kunden ein Stück weit mitdenken.”

Einige Minuten vergehen. Er starrt auf seine Notizen. Ich starre auf einen imaginären Punkt hinter seinem Kopf. „Stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen am Flughafen”, versuche ich es schliesslich, „neben einem Wildfremden. Sie haben sich mit dem Mann gut unterhalten, und fünf Minuten, bevor Sie zum Gate müssen, fragt er Sie, was Ihre Abteilung eigentlich macht. Was sagen Sie ihm dann? Sie müssen bedenken, er ist kein Fachmann. Vielleicht hat er nicht mal das Abitur.” Er gerät ins Schwitzen: „Ich, ich sage ihm, wir sind Lösungsanbieter im Logistikwesen, im… der durch konsequente Kundenorientierung…”

Unter (cc) - Alex Odenwald, Flickr

Ich hebe meine Hand, um ihn zu unterbrechen. „Aber wenn er das nicht versteht? ” „Wenn er das nicht versteht?” „Ja, dann, also… dann… er… wieso versteht er das denn nicht?” Ich nehme mehr Kaffee. Man darf dem Mann nicht böse sein. Er merkt es gar nicht. „Hören Sie, ich hatte eigentlich angedacht, die ganze Angelegenheit bis 12 Uhr ein Stück weit in trockene Tücher zu bringen”, sagt er. Noch mehr Kaffee. „Habe ich Sie richtig verstanden”, versuche ich es, „Sie bringen Leuten bei, wie sie Dinge am besten von A nach B bringen, helfen ihnen dabei, Dinge von A nach B zu bringen, überlegen gemeinsam mit ihnen, welche Dinge sie auch noch nach C und D bringen könnten und bringen notfalls auch alle Dinge selbst nach B, C und D?” „Ja. Nein. Das ist eine äusserst ungenaue Beschreibung. Wir sind ja Komplettdienstleister für Logistiklösungen… ganzheitlich, wissen Sie, kundenorientiert.” Ich lehne mich zurück und denke an etwas Angenehmes. Das hier wird schwer werden. Aber immerhin weiss wenigstens einer von uns so ungefähr, was seine Abteilung eigentlich macht. Irgendwie texte ich das schon. Schliesslich bin ich masskundenorientierter, komplettdienstbeschneiderter Lösungsanbieter und -anleister im Bereich Wortmanagement. Oder so ähnlich.


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